Ein starker Gerechtigkeitssinn - das ist eine Eigenschaft, die häufig den
Hochsensiblen und auch den Hochbegabten zugeschrieben wird, aber keineswegs
nur ihnen. Sie kann mit starken, gar zwingenden Empfindungen verbunden sein. Aber
ist es wirklich ein Sinn für Gerechtigkeit?
Gerechtigkeit ist etwas Menschengemachtes, das stark an Ort und Zeit
gebunden ist. Gesetze können festlegen, was heute gerecht ist und was nicht, aber
Gesetze können sich morgen ärgern. Auch moralische Erwartungen sind nicht
allgemeingültig. Was hier und heute legal oder moralisch in Ordnung ist, kann ein
Land weiter oder ein Jahr später schon wieder rechtswidrig oder unmoralisch sein.
Ist etwas, das so sehr an Zeit und Ort gebunden ist wie menschengemachte
Gerechtigkeit, nicht zu relativ und manchmal auch zu willkürlich, um einen
"Sinn" zu aktivieren? Der Gerechtigkeitssinn kann starkes Unbehagen auslösen,
das in seiner Empfindungstiefe nicht zu Textparagraphen zu passen scheinen - die
man meistens nicht einmal gelesen hat. Gerechtigkeit ist außerdem ein schwieriges
Konzept, wenn man im Alltag ins Detail geht: Ist Justiz immer gerecht? Ist Rache
gerecht? Ist Ungleichheit ungerecht? Wer hat schon zu diesen Fragen die eine,
endgültige, klare Antwort, die auch ohne lange Wortketten einleuchtet?
Dieser "Sinn" könnte also stattdessen mit etwas Tieferem verbunden sein: mit
einem Sinn für Gleichgewicht. Für eine Balance. Dass es Gesetze und moralische
Regeln gibt, verbirgt vielleicht tiefere Gleichgewichte jenseits von
menschengemachter „Gerechtigkeit“.
Nehmen wir eine Analogie. Wenn der Körper aus dem Gleichgewicht kommt,
kann er stürzen. Der Körper merkt das dank seines Gleichgewichtssinns. Er löst
sofort Bewegungsreflexe aus, die das Gleichgewicht wiederherstellen. Man begann
eben noch, zu stolpern. Und binnen eines Sekundenbruchteils ist ein Bein nach vorne
gekommen, hat sich unter den fallenden Körper gestellt und trägt ihn wieder. Das
bewusste Denken ist zu langsam und wird in das Geschehen auch gar nicht
eingeladen. Der Verstand begreift erst hinterher, was der Körper bereits erledigt hat.
Das Bewusstsein kann dazu noch wortreiche Kommentare liefern. Aber die Handlung
ist vorbei.
Der „Gerechtigkeitssinn“ wäre dann in Wirklichkeit eine Art
Gleichgewichtssinn, der sich allerdings auf etwas anderes als den Körper
bezieht. Vielleicht wird er aktiviert, wenn ein Ungleichgewicht im Gewebe der Welt
auftritt. Das würde bedeuten, dass hinter diesem Sinn eine tiefere Verbindung zur
Welt besteht, zu den vielen Flüssen und Wechselwirkungen und Vernetzungen und
Lebensenergien, die in ständiger Bewegung sind und manchmal aus dem Tritt
kommen.
Das zwischenmenschliche Geflecht und auch die Bereiche darüber hinaus benötigen
eine feine Balance, die leicht zu stören ist.
•
Wenn sich jemand zum Beispiel egoistisch verhält, erzeugt er dadurch eine
Störung im Fluss der Dinge und Werte. Die Handlung des einen geht auf Kosten
des anderen. Das ist ein Ungleichgewicht. Es kann weitere Dinge auslösen.
•
Oder ein Kind sieht in der Natur ein totes Tier und ist untröstlich und will es
unbedingt begraben - als wäre eine natürliche Ordnung wiederherzustellen.
•
Ein anderes Kind wächst in einer kaputten Familie auf und versucht, das
Familiengewebe halbwegs zu reparieren. Das tut es zum Beispiel durch
übertriebene Fröhlichkeit („der kleine Sonnenschein“), durch Krankheit, oder durch
Verhaltensauffälligkeiten. Es sind verschiedene Ablenkungsstrategien, um die
Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Dadurch bekommen die Konflikte weniger
Aufmerksamkeit, also weniger Nahrung. Das Kind hat einen Reparaturauftrag
gespürt, verliert dabei aber den Kontakt zu sich selbst.
Die Hochsensibilität ist in erster Linie eine Umweltsensitivität. Sie nimmt minimale
Veränderungen im Umfeld wahr. Die Hochbegabung wiederum ist möglicherweise
eine erhöhte kognitive Sehschärfe auf die Welt, die ein Bild mit höherer Auflösung
liefert und ebenfalls mehr „sieht“.
Der "Gerechtigkeitssinn", der in Wirklichkeit ein "Gleichgewichtssinn" wäre,
könnte sich also aus Wahrnehmungen aus tieferen Ebenen der Umwelt nähren.
Etwas im umgebenden Weltgeflecht ist verletzt, vielleicht für andere kaum
wahrnehmbar, und ruft nach Korrektur, bevor es sich weiter ausdehnt.
Um beim ersten Beispiel zu bleiben: Eine kleine erste egoistische Handlung einer
Person kann zu weiteren Handlungen und Ereignissen führen, die sich in der Gruppe
bis zu einer Spaltung hochschaukeln.
Der Gleichgewichtssinn, der „Gerechtigkeitssinn“ genannt wird, liefert eine
Vorahnung diesen Ausgangs. Er teilt mit: Fange dieses Ungleichgewicht wieder ein,
bevor es sich ausdehnt und weiteren Schaden anrichtet. Und wenn das nicht geht,
versuche wenigstens, das Ungleichgewicht oder seine Folgen abzumildern.
Welcher Art das Weltgeflecht ist, in dem das Ungleichgewicht entstanden und
gespeichert und unterwegs ist, soll hier offen bleiben. Viele hochsensible und
hochbegabte Menschen und auch andere empfinden diesen Sinn aber als regelrecht
zwingend, manchmal schmerzhaft. Es scheint, als spielten sie eine wichtige Rolle
darin, das Gewebe der Welt im Gleichgewicht zu halten. Sonst würde es wohl
nicht so klar zu ihnen sprechen und ihnen mitunter solch ein Unbehagen
bereiten. Wenn diese privilegierte Verbindung wirklich vorhanden ist, kann sie auch
zur Erklärung beitragen, warum ein Aufenthalt in der Natur so belebend wirkt:
Nirgendwo sonst fühlt sich die Verbindung zu einem größeren Ganzen unmittelbarer
an.
Die Frage ist, ob sie aus dieser Wahrnehmung heraus auch handeln, um das
Gleichgewicht wieder herzustellen. Denn vielleicht haben sie ja tatsächlich eine Rolle
als Hüter des Weltgeflechts.
Nicht zuletzt hat alles aber auch eine dunkle Seite. Es ist, wieder einmal, kompliziert.
Gerechtigkeit bedeutet auch Gegenseitigkeit. Eine Gerechtigkeit, die immer nur in
eine Richtung geht, ist keine. Und wer oft Ungerechtigkeiten sieht, die in der Regel
ihm oder ihr selbst zugemutet werden, könnte auch zu Selbstgerechtigkeit oder zu
viel Ich-Bezogenheit tendieren.
Manchmal ist ein ständig verletztes Gerechtigkeitsgefühl auch ein Zeichen für einen
Mangel an Kompromissbereitschaft oder Reife. Ebenso ist es eine beliebte Denkfalle,
die Komplexität der Welt zu reduzieren, indem man vieles durch eine vereinfachende
Täter-Opfer-Retter-Brille anschaut.
Am Ende liegt Gerechtigkeit immer im Auge der Betrachter. Und wir Menschen
sollten berücksichtigen, dass wir einen sehr scharfen Blick für alles haben, was man
uns antut, und fast erblinden, wenn wir das sehen sollten, war wir anderen antun.
Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung wies auf den Mechanismus der
Projektion hin: Das, was uns bei anderen am meisten ärgert, ist möglicherweise
etwas, das wir bei uns selbst wiedererkennen, aber nicht sehen wollen. Wir
verdrängen es, aber es kehrt trotzdem über den Umweg der Projektion auf andere
wieder ins Bewusstsein zurück. Anders gesagt: „Wie gerecht bin ich eigentlich selbst?
Bin ich mir ausreichend der Konsequenzen meines Handelns auf andere und mein
Umfeld bewusst?“ Die anderen haben ja auch einen Gerechtigkeitssinn, den
wiederum wir manchmal verletzen.
---
P.S.: Große Fragen sind das. Vielleicht sind die Antworten aber auch ganz andere. So
haben Forschungen ergeben, dass auch ein Frühstück mit hohem Anteil an
Kohlehydraten die Toleranz gegenüber Ungerechtigkeiten senkt (Strang, 2017).
Könnte ein Marmeladenbrot den Unterschied ausmachen und bewirken, dass man
weniger Dinge einfach hinnimmt?
Und wie es scheint, kann auch eine unausgewogene Darmflora Ungerechtigkeiten
schwerer zu ertragen machen (Plassmann, 2024). Das könnte mit dem Absenken des
Tyrosin-Pegels zu tun haben, einer Aminosäure, die für die Herstellung des Hormons
Dopamin wichtig ist und somit Einfluss auf das Belohnungssystem hat. Sinkt das
Tyrosin, sind Ungerechtigkeiten schwerer zu verdauen…
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